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Foundation Metaverse Europe Positionspapier zu Positiven Zukunftsbildern vom Metaverse von Dr. Isabella Hermann

Positive Narrative für ein demokratisches Metaverse

Narrative sind etablierte Erzählungen, die für einen Kulturkreis sinnstiftende Wirkung haben, weil sie bestimmte Emotionen und Werte vermitteln. Narrative formen unser Denken und Handeln. Die Science-Fiction vermitteln Narrative, die die Gegenwart mit möglichen Zukünften verbinden. Sie liefert dabei keine Gebrauchsanweisung für die Zukunft, sondern Geschichten, die in zukünftigen Welten mit neuen Technologien spielen. Die neuen Technologien gehen Hand in Hand mit sozialen, politischen und kulturellen Veränderungen, die unsere gegenwärtigen Ängste und Hoffnungen sowie die vorstellbaren negativen und positiven Zukunftsvisionen abbilden. So ist beispielsweise die Tatsache, dass Mark Zuckerberg, ein bekennender Science-Fiction-Fan, sein Unternehmen „Meta“ und seine Vision des „Metaverse“ aus dem dystopischen Roman „Snow Crash“ entliehen hat, sehr aufschlussreich: In dem 1992 von Neil Stephenson geschriebenen Werk sind die demokratischen Strukturen zerfallen, Konzerne regieren die Welt mehr schlecht als recht, und wer die Möglichkeit hat, flieht aus der tristen und brutalen Realität in die nicht minder verrohte virtuelle Welt des Metaverse. Doch Science-Fiction ist keine Vorhersage. Zuckerbergs Vision basiert auf den gegenwärtigen Rahmenbedingungen aus seiner unternehmerischen Perspektive, aber die Zukunft ist offen und nicht determiniert. Das bedeutet, dass wir uns unterschiedliche Zukünfte vorstellen und positiv gestalten können. Entscheidend ist also, welchem Narrativ wir jetzt für die aktuellen Entwicklungen folgen wollen und dass wir unser Handeln entsprechend gestalten.  Hier möchte ich zwei Science-Fiction-Erzählungen gegenüberstellen: Cyberpunk und Solarpunk.

Snow Crash ist dem Science-Fiction-Subgenre des „Cyberpunk“ zuzurechnen. „Cyber“ steht dabei für alle denkbaren digitalen Technologien, von Künstlicher Intelligenz über virtuelle Welten (Cyberspace) bis hin zu Computer-Hirn-Schnittstellen; „Punk“ steht für die Kritik am Establishment. Der Stil von Cyberpunk wurde vor allem durch Filme wie Blade Runner (1982) oder William Gibsons Roman Neuromancer (1984) geprägt, später durch die Ghost in the Shell-Mangas und das Matrix-Franchise weiter popularisiert; ein weiterer Höhepunkt war das 2020 erschienene Computerspiel Cyberpunk 2077. Kennzeichnend für Cyberpunk sind düstere Schauplätze, die oft in schäbigen Megacities angesiedelt sind. An die Stelle von gemeinwohlorientierter Politik sind die wirtschaftlichen Interessen großer Tech-Konzerne getreten. Die Menschen im Cyberpunk sind körperlich und geistig durch Technik optimiert, bewegen sich in digitalen Welten, und nutzen Technik und Hacks, um gegen die übermächtigen Strukturen zu rebellieren, ohne wirklich etwas ändern zu können. Das Cyberpunk-Narrativ kann man als „High-tech, but low life“ zusammenfassen. Trotz fortschrittlicher Erfindungen und Technik ist das Leben doch prekär und deprimierend: Daten machen süchtig und abhängig, Zugänge sind kommerzialisiert und zentralisiert, Technologie wird eingesetzt, um andere zu unterdrücken. Die Gesellschaften sind geteilt zwischen arm und reich, machtlos und mächtig, unqualifiziert und technisch versiert, unfrei und frei. 

Einem Cyberpunk-Narrativ entspricht genau die Idee von zentralisierten und kommerzialisierten Metaverse-Plattformen, die nur von wenigen Unternehmen bereitgestellt werden. Sie stellen alle nötigen Apps und Tools zur Verfügungen und können alle Transaktionen und Bewegungen beobachten und nachverfolgen. Den User*innen wird es wegen der „Lock-in-Effekte“ erschwert, zu anderen möglichen Anbietern zu wechseln, da alles praktisch aus einer Hand kommt, und sie von positiven Netzwerkeffekten profitieren. Die Geschäftsmodelle basieren auf dem Weiterverkauf von Nutzerdaten an Werbetreibende oder auf der Weiterverwendung für andere gewinnbringende Zwecke, wie wir es bereits von der Facebook-Plattform des Meta-Konzerns und vielen anderen Unternehmen kennen. So werden Zugang, Funktionsweise und Algorithmen derart gestaltet, dass die Menschen so viele Daten wie möglich produzieren. Kernelement ist dabei, die Aufmerksamkeit der User*innen zu steuern und festzuhalten, was durch die zunehmende Immersion – das Erleben der digitalen Welt wie die echte Welt – immer effektiver wird. Dabei geht es nicht nur darum, dass die User*innen auf der Plattform lediglich mehr Daten produzieren, sondern auch darum, durch neue technische Mittel mehr Daten aus neuen Nutzerzuständen abzugreifen. In einer solchen Welt sind Menschen keine Bürger*innen mehr, sondern nur mehr Produkte. Schreiben wir die negativen Effekte, die bereits von bestehenden Social-Media-Plattformen bekannt sind – Fake-News und Filterblasen, Hate-Speech und Polarisierung, Verzerrungen und Diskriminierung, Überwachung sowie gezielte Werbung und Angebote – auf einer neuen Ebene zunehmender Immersion im Metaverse fort, dann scheint eine immer stärker werdende Spaltung der Gesellschaft vorprogrammiert. 

Cyberpunk erzählt Geschichten von gesellschaftlicher Spaltung, während Solarpunk optimistische Zukünfte schildert, in denen Technik für das Allgemeinwohl eingesetzt wird und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt. Der Name der jungen, erst etwa zehn Jahre alten Science-Fiction-basierten Bewegung setzt sich zusammen aus »Solar«, was für alle Formen der nachhaltigen Energiegewinnung steht, und wiederum aus „Punk“. Darunter ist aber über den Cyberpunk hinaus nicht bloße Systemkritik zu verstehen, sondern eine tatsächliche Umgestaltung der Strukturen und Verhältnisse. Solarpunk ist als Label für Wertvorstellungen einer nachhaltigen, gerechten und positiven Zukunft zu verstehen. Die hellen Technikzukünfte und einladenden städtischen Umgebungen basieren auf einem starken Sinn für Gemeinschaft und Zusammenarbeit. Das Solarpunk-Narrativ kann man als „Nicht oder, sondern UND“ zusammenfassen. Gemeint ist damit, dass wir technischen UND sozialen Fortschritt brauchen, um gemeinsam ein neues Verständnis einer Mensch-Natur-Technikbeziehung zu schaffen. So sind Systeme dezentralisiert und entkommerzialisiert, Zugänge interoperabel, Daten werden geteilt, Technologie ermöglicht Befreiung und Befähigung – und die Energiegewinnung funktioniert nachhaltig, effizient und umweltschonend. 

Wo liegen also Möglichkeiten für ein „Und“? Wie lässt sich ein Metaverse mit technischem Fortschritt UND Gemeinsinn realisieren?

Einem Solarpunk-Narrativ könnte eine europäische Idee mit technischen Standards, interoperablen Plattformen sowie einer Regulierung, die die Bürger*inne schützt, und gleichzeitig Innovation ermöglicht, entsprechen.

Doch jenseits groß angelegter und notwendiger politischer Verfahren, die zwar jetzt von verschiedenen Akteuren angeschoben werden müssen, können alle Anbieter*innen und Betreiber*innen von Metaverse-Plattformen ganz konkret an einem positiven, demokratischen Metaverse arbeiten. Schließlich existiert aktuell schon eine Vielzahl an Metaverse-Anwendungen in den unterschiedlichsten Bereichen von Wartungsunterstützung bei Industriemaschinen über kollaborative Arbeitsumgebungen bis hin zu verschiedenen Bildungsangeboten, die kontinuierlich weiterentwickelt werden. 

So öffnet das Metaverse für alle Akteure, die eine Metaverse-Plattform aufbauen beziehungsweise betreiben möchten, die Chance, eigene Räume eines demokratischen Werteverständnisses mit Mitbestimmung und Beteiligung auszuprobieren und zu schaffen. Jede und jeder kann die eigenen Ziele transparent machen, Zuständigkeiten definieren und so für Vertrauen sorgen. Im Sinne eines demokratischen, gemeinschaftlichen Prozesses können Formen der Partizipation gefunden werden, die die Möglichkeiten bieten, verschiedene Stimmen anzuhören und so zu mehr Diversität und Inklusion führen. So kann man sich beispielsweise vorstellen, dass das Metaverse auch insbesondere Chancen für die aktive Teilhabe von Menschen mit körperlichen und geistigen Einschränkungen bietet. In diesen sensiblen Bereichen ist eine Verbindung zwischen technischer Expertise und sozialer Kompetenz sowie der Austausch mit den Betroffenen selbst unerlässlich. Diese Voraussetzungen gestatten auch einen souveränen Umgang mit dem Metaverse als soziotechnischem System. Denn Technik, ob in der Entwicklung oder in der Anwendung, steht nicht für sich allein, sondern ist immer eingebettet in die dynamische Wechselwirkung zwischen Technik und dem sozialen Kontext.

Cyberpunk übt Kritik an kommerzialisierten Strukturen und sieht in Gegenkultur und Hacks die einzige Möglichkeit zur Selbstbehauptung. Solarpunk drückt offensichtlich den Wunsch aus, dystopische Strukturen nicht nur zu kritisieren, sondern sie mit Hilfe von Technologie zum Besseren zu verändern. In diesem Zusammenhang geht es bei den beiden Science-Fiction-Genres nicht um reale und sich gegenseitig ausschließende Zukünfte, sondern um narrative Möglichkeitsräume, in die wir unsere Überzeugungen stellen und an denen wir unser Handeln ausrichten können. Wir müssen benennen, was die europäischen Werte und die Demokratie untergräbt.

  • Aber wenn wir die Zukunft mitgestalten wollen, sollten wir nicht nur zeigen, was wir nicht wollen. Wir sollten auch zeigen, welche Zukünfte erstrebenswert sind und wie gemeinwohlorientierte europäische Zukunftsvisionen aussehen. 
  • Hier will die Foundation Metaverse Europe Expert*innen, Stakeholder und Kulturschaffende in einem Dialog zusammenbringen, um explizit positive Zukunftsszenarien für verschieden Zeithorizonte zu entwerfen.

Die Szenarien von Zukünften, in denen wir gerne leben würden, können dann zum einen als Ausgangspunkt für das „Backcasting“ dienen, d. h. ausgehend vom gewünschten Ergebnis rückwärts zu arbeiten, um Ereignisse zu beschreiben, die zur wünschenswerten Zukunft führen, und auf diese Weise notwendige politische Maßnahmen zu identifizieren. Zum anderen lassen sich auf Grundlage der positiven Zukunftsszenarien Science-Fiction-Geschichten schreiben, die die zukünftigen Welten emotional erfahrbar machen.

  • In diesem Sinne bewegen wir uns von einem problemzentrierten zu einem lösungsorientierten Ansatz, der nicht nur Bedrohungen für die Demokratie verhindern soll, sondern sogar die Demokratie fördern und verbessern kann.

Daher hat es sich die Foundation Metaverse Europe auch zum Ziel gesetzt, neue Geschichten zu erzählen und positive Narrative für das Metaversum zu schaffen, um Raum für Inspiration zu bieten, und zum Handeln zu. Denn Geschichten von wünschenswerten Zukünften realisieren sich nicht von selbst durch Erzählen, sie bieten aber eine starke Basis, wenn sie mit konkreten Maßnahmen in Politik und Wirtschaft Hand in Hand gehen.

Zum Kernthema Positive Zukunftsbilder mit Dr. Isabella Hermann

Isabella Hermann ist selbständige Analystin und Speakerin auf dem Gebiet der Science-Fiction. Die Faszination des Genres liegt für sie darin, dass es unsere moderne, technisierte Welt mit unseren urzeitlichen Hoffnungen und Ängsten sowie mit aktuellen gesellschaftlichen Trends verbindet. Auf diese Weise dient die Science-Fiction als Spiegel unserer Gegenwart und als Metapher für die Zukunft.

Die promovierte Politikwissenschaftlerin geht dabei insbesondere der Frage nach, wie das Genre neue Technologien, sozialpolitische Wertesysteme und globale Politik reflektiert. Themen sind hier Klimawandel und das Anthropozän genauso wie Raumfahrt und Marskolonisation – und vor allem auch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und virtuelle Welten.

Isabella Hermann ist außerdem Artistic Director des Berlin Sci-Fi Filmfest. Zuletzt arbeitete sie als wissenschaftliche Koordinatorin eines interdisziplinären Forschungsprojekts zu KI und menschlicher Verantwortung an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und als Programmleiterin des Present Futures Forum an der Technischen Universität Berlin. Seit Dezember 2021 ist sie Mitglied im Vorstand der Stiftung Zukunft Berlin.

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